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Kontinuität oder Kollaps

Was passiert mit CDM-Projekten, wenn der Kohlenstoffmarkt zusammenbricht?

Nicht alle Projekte, die unter dem CDM initiiert werden, schaffen es bis zur Registrierung. Einige scheitern bereits in der Anfangsphase, während andere nicht in der Lage sind, die finanziellen, politischen, oder regulatorischen Anforderungen zu erfüllen. Dies kann am mangelnden Startkapital liegen, an der fehlenden Unterstützung des Gastgeberlandes oder aufgrund der Eigenheiten des CDM als komplexes Instrument, das häufigen Änderungen unterliegt. Vor diesem Hintergrund geht das Forschungsprojekt der Frage nach, was mit jenen CDM-Projekten geschieht, denen die Aufnahme in das CDM-Verfahren nicht gelang oder die selbiges verlassen haben, nachdem ihre Lebensdauer überschritten war.  

Der Clean Development Mechanism dient als Marktmechanismus dazu, den Privatsektor in die Finanzierung globaler Minderungsanstrengungen einzubeziehen. Er setzt monetäre Anreize zur Verwirklichung von Klimaschutzprojekten im Kontext nachhaltiger Entwicklung. Das erste CDM-Projekt wurde im November 2004 registriert. Seitdem hat sich der CDM quantitativ sowie qualitativ fortentwickelt. Heute sind mehr als 7.000 CDM-Projekte in über 80 Ländern registriert.

Dennoch durchlebt der globale Kohlenstoffmarkt momentan schwierige Zeiten. Das Fehlen eines umfassenden internationalen Klimaabkommens mit ambitionierten Minderungszielen hatte nach dem Ende der ersten Verpflichtungsperiode des Kyoto-Protokolls 2012 einen negativen Einfluss auf die Nachfrage nach Kohlendioxid (CO2)-Zertifikaten. Zudem hat die Europäische Union (EU) entschieden, dass nach 2012 im EU-Emissionshandelssystem (EU ETS, EU Emissions Trading Scheme) nur noch Zertifikate aus CDM-Projekten eingesetzt werden dürfen, die in den am wenigsten entwickelten Ländern (LDCs, Least Developed Countries) durchgeführt werden. Da das EU ETS den größten Absatzmarkt des internationalen Kohlenstoffmarkts darstellt, ist dies für die Nachfrage nach Zertifikaten und somit für die Zukunft des CDM in Mitteleinkommensländern kritisch. Hierzu zählen auch die stark wachsenden Schwellenländer wie etwa China, Brasilien und Indien, die einen Großteil der registrierten CDM-Projekte stellen. Der Überschuss an Zertifikaten ist jedoch so groß, dass auch für Projekte in LDCs derzeit (Mai 2014) keine ausreichenden Preissignale gesetzt werden können.

Ziel des Vorhabens

Nicht alle Projekte, die unter dem CDM initiiert wurden, schafften es bis zur erfolgreichen Registrierung. Einige Projekte scheiterten bereits in der frühen Anfangsphase. Andere scheiterten im Prozess der Projektentwicklung aufgrund finanzieller, politischer oder regulatorischer Faktoren, etwa mangels Anschubfinanzierung, politischer Unterstützung durch das Gastgeberland oder wegen des komplexen und sich oftmals ändernden CDM-Regelwerks.

Doch auch die Zukunft vieler registrierter Projekte ist ungewiss. Manche Projekte können ihre Betriebskosten nicht mehr decken, anderen fehlen die Mittel für die Verifizierung oder das Monitoring. Viele Projekte ruhen deshalb oder wurden angesichts der schwierigen Aussichten auf dem Kohlenstoffmarkt ganz eingestellt, trotz erheblicher bereits getätigter Investitionen.

Ziel des Forschungsvorhabens ist es zu untersuchen, was mit Projekten geschieht, die es entweder nicht in den CDM-Zyklus geschafft haben oder diesen plangemäß nach Projektlaufzeit verlassen. Es soll dokumentiert werden, welche Folgen aus dem Erliegen des Kohlenstoffmarktes resultieren. Dabei soll insbesondere geklärt werden, ob und inwiefern bereits registrierte Projekte durch den Markteinbruch nicht mehr umgesetzt werden. Die Analyse beschränkt sich nicht auf die Untersuchung einzelner Fälle, sondern es ist das Ziel, statistisch signifikante Aussagen für den CDM als Ganzes treffen zu können. In einem zweiten Schritt soll anschließend ausgearbeitet werden, inwiefern solche gestrandeten Projekte durch alternative Instrumente, also ohne den Kohlenstoffmarkt, weitergeführt werden können. Es ist zu erwarten, dass die Situation der Projekte sowie auch die Möglichkeiten zu deren Weiterführung nach Ländergruppen und Technologietypen variieren. Die Ergebnisse der Analyse sollen deshalb ländergruppen- und technologiespezifisch aufgearbeitet werden. Ziel ist es, Optionen und Handlungsempfehlungen für die weitere internationale Zusammenarbeit zum Kohlenstoffmarkt aufzuzeigen.

Methode

In seinem Vorgehen unterscheidet sich das Vorhaben in wesentlichen Punkten von bereits durchgeführten Analysen der CDM-Pipeline:

  1. Die Studie bezieht sich ausschließlich auf die Phase nach der erfolgreichen Registrierung.
  2. Die Studie wird eine wiederholte Befragung ausgewählter Projekte vornehmen, um relevante Entwicklungen über einen längeren Zeitraum dokumentieren zu können.
  3. Die Datenerhebung erfolgt mithilfe von geschichteten Zufallsstichproben (stratified sampling) ausgewählter Projekte, die direkt kontaktiert und befragt werden. Zusätzlich werden öffentlich verfügbare Projektdaten (zum Beispiel Projektdokumentation oder Datenbanken) ausgewertet.

Die ersten beiden Punkte ergeben sich direkt aus der Forschungsfrage des Vorhabens. Das stratified sampling hingegen ist notwendig, um dem hohen Anspruch an die zu erhebenden Daten gerecht zu werden. Es soll möglich sein, fundierte Aussagen über die Gesamtheit aller CDM-Projekte zu machen. Dazu ist es notwendig, dass die Daten statistisch signifikant sind; nur so können gegebenenfalls verbleibende Unsicherheiten auch quantifiziert werden. Eine Untersuchung der Grundgesamtheit der mehr als 7.000 registrierten CDM-Projekte ist nicht mit vertretbarem Aufwand möglich. Das genannte Sampling-Verfahren ermöglicht es jedoch, eine Auswahl an Projekten zu treffen und dennoch statistisch signifikante Ergebnisse zu erheben.

Zunächst wurde daher eine Auswahl an Ländern getroffen. Die Herausforderung dabei ist es, Länder mit besonders vielen Projekten zu berücksichtigen, eine ausgewogene regionale Verteilung zu gewährleisten und gleichzeitig den unterschiedlichen sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Voraussetzungen Rechnung zu tragen.

Neben der Auswahl relevanter Länder wurde auch die Auswahl der Projekttypen eingeschränkt. So werden etwa große Wasserkraftwerke mit einer Nennleistung von über 20 MW nicht berücksichtigt, da davon auszugehen ist, dass Projekte mit Investitionen in dieser Größenordnung auch ohne Deckungsbeiträge aus dem CDM weiterbetrieben werden. Aufforstungs- und Wiederaufforstungsprojekte wurden ebenfalls ausgeschlossen, da diese ohnehin zu keiner Zeit unter dem EU ETS anerkannt waren und somit auch nicht in besonderem Maße von den Entwicklungen im EU ETS betroffen sein können.

Map, certain countries are coloured blue
(Photo: Wuppertal Institut)

Insgesamt konnte mit der Sampling-Methode die Auswahl auf 1.311 Projekte reduziert werden. Diese Projekte werden nun für eine erste Datenerhebung kontaktiert. Dies erfolgt unter anderem mithilfe eines etwa 30 Fragen umfassenden Onlinefragebogens. Der Fragebogen erfasst aktuelle Informationen über fünf wesentliche Aspekte:

  • Umsetzungs- und Betriebszustand der Projekte
  • Nutzung von Zertifikatsabnahmeverträgen und Ansatz für die Vermarktung von CDM-Emissionszertifikaten (CERs, Certified Emission Reductions)
  • Strategien zur Verifizierung und Ausstellung der Zertifikate
  • Neue und überwundene Barrieren

  • Verfügbarkeit internationaler und nationaler Unterstützung zusätzlich zum CDM    

Stand der Aktivitäten

Die Auswahl einer repräsentativen Gruppe mithilfe des stratified sampling ist abgeschlossen und die ersten der 1.311 ausgewählten Projekte wurden kontaktiert. Einer Testgruppe von rund 100 Projekten wurde der Fragebogen bereits vorgelegt, um Rückmeldungen zur Handhabbarkeit des Fragenkataloges zu erhalten. Dieser Testlauf ermöglichte es auch, erste Eindrücke zu Umfang und Qualität der zu erwartenden Antworten zu sammeln. Diese Rückmeldungen wurden genutzt, um den Fragebogen zu finalisieren.

Seit Anfang März 2014 läuft die Onlinebefragung aller ausgewählten Projekte. Um eine möglichst breite Beteiligung der Projekte zu gewährleisten, sucht das Projektteam derzeit aktiv den Kontakt zu den Verantwortlichen der CDM-Projekte.

Erste Ergebnisse der Befragung werden für Mai 2014 erwartet. Diese werden in einer Datenbank aufgearbeitet und dienen anschließend als Grundlage für die weitergehende Analyse: Was sind Umstände, unter denen Projekte zum Erliegen kommen? Welche Faktoren begünstigen eine Weiterführung der Projekte trotz des kollabierten Kohlenstoffmarktes? Welchen Einfluss haben existierende oder entstehende nationale Politikinstrumente wie national angemessene Klimaschutzmaßnahmen (NAMAs, Nationally Appropriate Mitigation Actions) oder Fördersysteme für erneuerbare Energien?

In einem letzten Schritt werden landesspezifische Empfehlungen zum Umgang mit gestrandeten Projekten erarbeitet. Wie können diese mithilfe bestehender und neu zu entwickelnder Politikinstrumente am Leben gehalten oder gar wiederbelebt werden?

Weiterführende Informationen

Dieses Forschungsprojekt wird im Auftrag des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) im Rahmen des Umweltforschungsplans durchgeführt. Es wird von einem Konsortium aus Ecofys und TÜV Süd umgesetzt. Weitere Informationen zu dem Projekt erhalten Sie in englischer Sprache unter:

www.ecofys.com/en/project/evaluating-the-state-of cdm-projects

Projektlaufzeit

2013–2015

Kontakt

Carsten Warnecke
Ecofys Germany GmbH
E-Mail: c.warnecke@ecofys.com